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19.4.2008 von marieta.
Warum Bier?
Das frage ich mich seit einigen Tagen.
Warum Bier?
Vielleicht sollte ich die Situation etwas näher erläutern. Schon beim Aussteigen aus dem Taxi, war mir klar, was sich in meiner Straße während der nächsten sechs Wochen abspielen würde. Es war nämlich jemand verstorben. Als ich diese Zeremonie zum ersten Mal miterleben durfte, fand ich sie noch interessant. Allerdings befand ich mich in diesem Fall auf dem Balkon einer Wohnung, die nicht meine war, und die mitternächtlichen buddhistischen Gesänge und Trommelschläge hatten etwas Mystisches und Fremdes an sich. Jetzt befindet sich die Trauerstätte direkt neben meinem Apartment, was generelle Lärmbelästigung und einen gesperrten Gehsteig für mindestens einen Monat bedeutet. Wieso der Gehsteig unbenutzbar ist? Bei einem Todesfall im Westen sind Blumen und Kränze mit Schleifen das übliche Zeichen der Trauer und die Dinge, mit denen man dem Verstorbenen den letzten Respekt erweist und den Hinterbliebenen seine Trauer und sein Beileid ausdrückt. Hier in Taiwan sind es Girlanden aus Papierblumen und den schrillsten Neonfarben und Pappschilder mit Sinnsprüchen. Beides wird mit Vorliebe an gut zwei Meter hohen Pyramiden aus Bierdosen angebracht. Variabel können es auch Coca Cola oder andere Softdrinks sein, aber Bierdosen sind eindeutig die beliebtere Option. Wobei wir wieder bei meiner anfänglich gestellten Frage wären: Warum Bier? Und warum gleich 50 Dosen oder sogar mehr? Aus diesen Fragen ergeben sich auch weitere Rätsel, wie zum Beispiel: Ist das Bier für die Hinterbliebenen oder den Verstorbenen?
Es gibt also zwei Möglichkeiten:
a) das Bier ist für die Hinterbliebenen, und die Trauergemeinde versucht den Verlust für sie erträglicher zu machen, indem sie so viel Bier schenken, dass die Hinterbliebenen sich für drei Monate ohne Probleme jeden Tag schon früh morgens beginnend ins Koma saufen können.
b) Das Bier ist für den Verstorbenen, und soll ihm bei der Reise ins Jenseits beziehungsweise ins nächste Leben mitgegeben werden. Warum er dabei unbedingt Bier braucht ist aber relativ unverständlich, es gibt meiner Meinung weitaus bessere und edlere Tröpfchen. Andererseits ist Bier das einzige alkoholische Getränk, das in Dosen erhältlich ist, und die lassen sich aber auch so schön stapeln. (Ja, es gibt Prosecco in Dosen, dessen bin ich mir bewusst, aber anscheinend ist Paris Hilton mit ihrer Werbung dafür noch nicht bis nach Taiwan durchgedrungen.)
Mir persönlich gefällt Variante a ja besser, aber wenn man sich die restliche Trauerkultur in Taiwan etwas näher ansieht, ist Möglichkeit b wohl wahrscheinlicher. Denn wie mir kürzlich ein Mitstudent berichtete, wird den Verstorbenen alles Mögliche mitgegeben. Jetzt denkt man sich: das ist doch aber nichts neues, wir kennen das doch bereits von den alten Ägyptern. Da hatten die Archäologen ja immer gleich zwei auf einen Streich: einen uralten, konservierten toten Menschen und jede Menge Bling Bling. Toll, nicht? Und auch China wäre nicht China, ohne die enorme Menge an Tonsoldaten, die den ersten Kaiser Chinas nach seinem Tod bewachen sollen (für weitere Einzelheiten verweise ich auf meine FBA). Kann es also sein, dass meine Nachkommen in vielen, vielen Jahren einen Bericht über die Totenschätze meines derzeitigen Nachbarn im Fernsehen verfolgen? Und was wären das für Dinge? Jede Menge Aluminiumdosen, das steht soweit mal fest. Und ein Flatscreenfernsehgerät, wie mir ein Mitstudent vorher erklärt hat. Oder einen Computer, einen DVD Player, ein Radio…schade nur, dass all das Bloß Nachbildungen aus Pappe sind. Und jetzt bitte nicht lachen, es gibt eine eigens darauf spezialisierte Industrie dafür in diesem Land. Geschäfte, die einzig und allein Pappwaschmaschinen und dergleichen verkaufen. Seltsam? Ganz klar, aber eine geniale Geschäftsidee, und umweltfreundlich noch dazu! Vielleicht sollte die katholische Kirche, anstatt Sonntags den Klingelbeutel während der Messe durchgehen zu lassen, mal in Erwägung ziehen, so etwas in die Trauerfeiern mit einzubauen. „…und wer dem Verstorbenem noch etwas aus dem weltlichen Leben für seine Reise ins Jenseits mitgeben möchte, der kann kleine Nachbildungen von Elektrogeräten und anderen Annehmlichkeiten jetzt jederzeit im Pfarrcafé erwerben, natürlich aus recycelten Bibeln hergestellt. Amen.“
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